17. Distanzritt: Okahandja 13. FEB2016 – 60 km mit Zaïda

 

 

Distanzritt OKA 16 -1

Ruhe nach dem Start

 

Dies war mein schwerster und bislang anstrengendster Distanzritt. Während unserer Weihnachtspause auf unserer Farm in Australien hatte es in Namibia gut geregnet. Die Weiden waren grün und saftig, die Pferde rund und frech. Zwei Monate Ferien in der Herde hatten Zaïda sehr gut getan und sie saß stramm in ihrem glänzenden Fell. Wir hatten insgesamt nur acht Tage Zeit zum Training. Zaïda sollte noch einigermaßen fit sein, weil sie Ende des letzten Jahres topfit gewesen war. Zuerst einmal war sie vor allem aufgekratzt und frech, bockte im Galopp rum vor lauter Lebenslust. Nach ein paar Ritten ging es schon besser und ich war recht zufrieden mit ihr. So meldete ich uns an, zunächst für 40 km. Freunde meinten, Zaïda sei durchaus fit für 60km und da so viel Aufstand an jedem Ritt hängt, habe ich mich dann zu 60 km entschlossen, damit sich der ganze Aufwand auch lohnt. Im   Februar nach der langen Weihnachtspause sind 60 km für mich eine Herausforderung. 40 km sind für Anfänger und Zaïda hatte im Vorjahr bereits 80 km mit der Auszeichnung best conditioned horse bestanden.

Am Nachmittag vor unserer Abreise hatte Zaïda plötzlich ein total geschwollenes Auge. Großer Schreck. Ich rief Clara an, eine junge Medizinstudentin und Reiterin, die auch auf Krumhuk wohnt. Sie kam bald und half mir, Zaïdas Auge mit einer milden Salzlösung mit abgekochtem Wasser zu spülen. Zunächst hatte ich Augenwundspray mit Jod aufgesprüht. Später kam auch Claras Mutter Christiane dazu. Inzwischen hatte ich den Tierarzt angerufen und er empfahl eine Cortison Spritze, nachdem er genau den Zustand des Auges erfragt hatte und wir Schlangengift von der Speikobra ausschließen konnten. Die Speikobra spritzt ihr Gift gezielt in die Augen. Bei richtiger Behandlung geht die kurzfristige Blindheit rasch vorüber. Clemens musste dann noch einmal in die Stadt fahren, um die Spritze abzuholen. Wir haben das Auge auch mit Eiswasser und Eiswürfeln in ein Tuch gewickelt, gekühlt. Die Spritze kam in den Halsmuskel, dabei zucken die Pferde nicht einmal, wenn man nicht zu zögerlich zusticht. Langsam ging die Schwellung zurück und sie öffnete ihr Auge wieder. Beim Kühlen hielt Zaïda richtig still, sie merkte, dass es ihr gut tat. Später kam noch Marita, meine Nachbarin rüber und wir haben alle zusammen Abendbrot gegessen. Es tat mir gut, in Gesellschaft lieber Menschen zu sein. Christiane riet noch, Honig um das Auge aufzutragen und in das Lid zu reiben, da reiner Honig sehr gute Heilkräfte besitzt. Meine Schwester hatte mir Manukahonig von ihrer Reise nach Neuseeland mitgebracht. Vor dem Schlafengehen habe ich noch einmal Honig aufgetragen und am nächsten Morgen war die Schwellung vollkommen verschwunden.

Johan Esterhuizen kam mit seinem offenen Anhänger und Zaïda ging problemlos rein. Wir hatten mit seinem Anhänger mit ihr geübt, nachdem sie sich komplett geweigert hatte, in eine geschlossene Box zu gehen. Sie war in Raiks Box im Juni letzten Jahres explodiert, rannte plötzlich ohne ersichtlichen Grund rückwärts raus und verletzte sich an ihrer Nase. Das war damals das Ende vom Ritt gewesen, bevor er überhaupt angefangen hatte. Welch ein Frust nach all dem Training. Sie war total fit gewesen und ich auch. Es wär ihr letzter 80 km Ritt zum Abschluss ihrer Novizen Zeit gewesen. Aber es hatte nicht sein sollen. Johan hatte mit viel Geduld Zaïda schließlich auf seinen Anhänger bekommen. Nach seiner Erfahrung gehen Pferde, die eine schlechte Erfahrung im Anhänger gemacht haben, leichter auf offene Anhänger. Nachteilig war für uns auch, dass Zaïda immer allein auf den Anhänger muss. Clara und Christiane reiten nur auf der Farm Krumhuk und es gibt auch keinen Anhänger hier, mit dem ich hätte üben können. Den Gesichtsschutz ließ Zaïda sich problemlos aufsetzten, sie sollte während der Fahrt keine der dicken, namibischen Käfer in ihre Augen bekommen.

Auf der Strecke nach Okahandja herrschte dichter Freitagsnachmittagsverkehr, aber von Windhoek sind es nur 70 Kilometer. Die Anmeldung sowie das Aufbauen des Sattelplatzes verlief alles wie am Schnürchen; wir sind inzwischen ein eingespieltes Team. Diesmal hatte Zaïda auch einen richtig großen Stall mit eingebauten Futtertrögen drin bekommen. Das Gelände war leider total staubig und die ständig anfahrenden Autos wirbelten immer wieder dicke Staubwolken auf. Später bin ich mit Zaïda nur kurz auf dem Platz herumgeritten, um sie mit der Start- und Zielsituation vertraut zu machen. Wir sind ein paar Achten um die Bäume herum geritten, damit sie sich strecken kann. Danach hab ich sie geführt und Gras fressen lassen. Im Stall bekommt sie nur Heu und ist doch momentan richtig grünes Gras von der Weide gewohnt.

Distanzritt OKA 16-1

Die ersten Reiter kommen rein, Pferdepfleger in Blaumännern erwarten sie schon

In meiner Startergruppe waren nur Topreiter, die immer ganz schnell unterwegs sind. Die ersten fünf Kilometer hielt ich mich bei meiner Gruppe, damit ich die Schleifen entlang der Eisenbahn gut überstehen würde. Wenn ein Zug kommt, ist es für Pferde in der Gruppe leichter, nicht vor Angst durch zu drehen. Danach bin ich dann allein weiter geritten. Dämlicherweise hab ich mich dann verritten, d.h. bin falsch abgebogen und hab so mindestens 5 km mehr reiten müssen. Ich hätte die Strecken, die im Club ausgehängt waren, genauer studieren sollen. Da ich schon mehrfach in Okahandja geritten bin, meinte ich alles zu wissen, aber die Streckenführung wird manchmal etwas geändert. Auch verstehe ich nicht genug Afrikaans, um die Rittbesprechung zu verstehen. Dabei wird auf Besonderheiten hingewiesen. Nun ärgerte ich mich schon mal über so viel Dummheit. Kurz danach holten mich andere Reiter ein. Es war die Gruppe der 30 km Reiter, die eine ganze Stunde nach mir gestartet waren!!! Rudolf meinte: “Was machst du denn hier? Warum bist du so langsam?” „Zaïda ist heute faul und ich hab mich verritten.“ Viele Pferde laufen schlecht allein, bei Zaïda ist das extrem ausgeprägt. Obwohl ich auf der Farm immer allein trainiere, habe ich das nicht richtig bemerkt. Zu Hause ging es immer recht gut. Zu Hause oder auf einem Ritt, das ist ein großer Unterschied. All die kleinen Macken von Zaïda, die ich nicht konsequent ausgemerzt hatte, haben sich auf diesem Ritt fast verhundertfacht. Immerhin hatte ich nun für die letzten 15 km der ersten Runde Pferdebegleitung und Zaïda lief bestens, wollte sich gern an die Spitze setzen, aber ich ließ sie erst mal hinterher laufen. Die anderen durften über die Ziellinie galoppieren, Zaïda und ich hatten aber noch eine Runde vor uns und die Vorschriften verlangen, dass man VOR der Ziellinie absteigt und das Pferd die letzten Meter führt. Alle anderen Pferde rannten und Zaïda rannte mit. Nur knapp gelang es mir, sie kurz vor dem Zelt mit den ‚Zeitnehmern‘ zu stoppen und endlich absteigen zu können. Ein Punkt mehr, der zeigte, wie sehr es ihr an Disziplin mangelte. Sie hat schon einen gehörigen Dickkopf, aber es ist mein Fehler, dies nicht rechtzeitig zu korrigieren.

Beim Abkühlen am Sattelplatz lief wieder alles wie geschmiert. Jeder weiß, was er zu tun hat. Beim Pulsnehmen hab ich mich vor lauter Aufregung dauernd verzählt, aber mit zu hohem Puls zum Tierarzt gehen, wollte ich auf gar keinen Fall. Ein Reiterfreund von mir ist einmal deswegen rausgeflogen. Nach 80 gerittenen Kilometern ist so ein Fehler bitter. Also lieber noch mal und dann noch einmal nachprüfen. So brauchte ich geschlagene 11 Minuten, was recht lang ist. Die meisten Leute brauchen nur 3 bis 8 Minuten. Diese Zeit bis man zum Tierarzt geht, zählt ja als ‚Reitzeit‘. Erst dann wird die Zeit gestoppt. Die Uhr für die 45 Minuten Pause tickt bereits. Zaïdas Pulswerte waren mit 50/52 dann auch sehr gut. Wie immer war die Pause schnell vorbei, aber ich hatte Zeit, kurz die Füße hoch zu legen. Clemens hatte alles für mich und Zaïda vorbereitet: einen Becher mit Tee, einen Becher mit Elektrolyte, Heu, Wasser und Wurzeln in dem kleinen Auslauf, den wir für sie abgetrennt hatten.

Dann wurde wieder aufgesattelt und auf ging‘s zur zweiten Runde. Bis zur Startlinie lief sie brav und ganz normal. Dann stand sie stur wie ein Esel und wollte nicht los. Das war eiskalte Frechheit von ihr.

Distanzritt OKA 16-1

Ende der 1. Runde (30 km), Zaïda links aussen

So musste ich absteigen und sie das ganze Stück bis aus Sichtweite des Reitplatzes am Zügel hinter mir her ziehen. Welch eine Blamage! Asjas hatte das manchmal bei Piet auf der dritten Runde gemacht. Er musste sie oft rausführen. Ich dachte immer, das läge daran, dass er viel schneller reitet als ich und Asjas müde war bzw. keine Lust mehr hatte. Bei mir hat sie das jedenfalls nie gemacht. Nach einer Weile konnte ich aufsitzen und es ging weiter, aber langsam. Eine junge Frau galoppierte an mir vorbei, aber auch das animierte Zaïda keineswegs. Die gesamte 2. Runde war wiederum eine Katastrophe. An jeder Kreuzung wollte sie abkürzen, mogeln und auf direktem Weg zum Stall zurück. So etwas von Sturheit hatte ich bei ihr noch nicht erlebt. An den Abzweigungen, wo die Runden sich kreuzten, standen immer junge Frauen mit ihren Handys. An einer Wasserstelle fotografierte mich eine Frau pausenlos und das Geschnarre von ihrem Handy irritierte Zaïda, so dass sie nicht trinken wollte. Ich bat die Frau mit dem Fotografieren auf zu hören. Später habe ich begriffen, dass dies die Kontrolle des Clubs war, damit keiner mogelte. Auch konnten sie den Frauen per sms mitteilen, wann der letzter Reiter durch war und sie ihre Sachen einpacken konnten. Zwischenzeitlich war ich so mit den Nerven am Ende, dass ich Zaïda sogar angeschnauzt habe mit Worten wie ‚Schlachthof‘ und ‚Pferdesalami‘. Alles kicken mit den Hacken half wenig, sie lief nur, wenn sie Lust hatte. Wir hatten dennoch gute Galoppstrecken dabei und ich wusste auch, dass ich mich etwas beeilen musste. Fällt man unter 10km/h Durchschnitt, so fliegt man wegen Langsamkeit raus. Niemals hätte ich gedacht, dass ich einmal in diesen Bereich kommen könnte. Ich hatte Rudolf gefragt, wann die Höchstzeit beim 60 km Ritt vorbei ist und er sagte, 7.5 Stunden, was beim Start um 6:00 Uhr 13:30 gewesen wäre. Er hatte zwei Pausen dazu gezählt, dabei hat ein 60 km Ritt ja nur eine Pause von 45 Minuten. Meine Höchstzeit war also 12:45 Uhr!! Bis dahin musste ich über die Ziellinie gekommen sein. Zum Glück arbeitete mein mathematisch ohnehin nicht begabtes Hirn nicht mehr logisch und ich glaubte auch, dass 13:30 meine Höchstzeit war. Zwei Langstreckenflüge unmittelbar vor diesem Ritt über diverse Zeitzonen, dazu Stress und Hitze hatten einige Bremsspuren in meinem Hirn hinterlassen.

Ohne dass mir klar war, wie knapp meine Zeit wurde, ließ ich Zaïda ruhig weitertraben, bis wir ca. 5 Kilometer vorm Ziel waren. Dort gab es noch wieder eine Abzweigung und die Route verlief genau weg vom Ziel für ca. 1 Kilometer. Da stand mein Esel Zaïda wieder stocksteif unter der sengenden Sonne. Ich hätte mir die Haare ausreißen können, aber ich hatte ja einen Helm auf. Also runter und wieder ziehen. Dann kam endlich der Bahnübergang und die Richtung stimmte auch für Zaïda wieder. Sie galoppierte fröhlich, als sei nichts vorher passiert. Nun klingelte mein Handy, Clemens machte sich Sorgen wo ich bleibe. Im Galopp bei greller Mittagssonne konnte ich das Display nicht erkennen und drückte wohl die falschen Tasten. Clemens konnte immerhin den Galopsprung und knirschenden Sand hören. Normalerweise galoppiere ich immer gern die letzten Kilometer – die Profis galoppieren die gesamte Strecke – aber nun merkte ich, dass Zaïda tatsächlich müde war. Also ließ ich sie im gemütlichen Trab einlaufen, denn gnädiger Weise war mir nicht klar, dass es um Minuten, ja Sekunden ging, damit ich nicht wegen Überschreitung der Höchstzeit rausfliege. Welch eine Enttäuschung wäre das nach all dem Stress und der Plackerei.

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So sollte man nicht reinkommen, wenn dies nicht die letzte Runde war

Endlich trabten wir über die Ziellinie und ich nahm meinen Zeitslip in Empfang, ohne drauf zu sehen. Dann abkühlen und auf zum letzten Tierarztcheck. Bis zum letzten Check hat man ja 30 Minuten Zeit und ich habe 22 Minuten gebraucht, bis ich mit ihrem Puls zufrieden war. Immer wieder habe ich nach gemessen, bloß jetzt keinen Fehler machen und mit einem Puls von über 64 reingehen. Sie hatte 60 letztlich, also war die lange Wartezeit richtig gewesen und auch ein Zeichen dafür, dass sie nun müde war. Dennoch bestand sie auch diese letzte Untersuchung sehr gut. Allein die Hitze mit 36 Grad in der Mittagszeit machte vielen zu schaffen und insgesamt waren auf diesem Ritt die Geschwindigkeiten bei den meisten Reitern niedriger als sonst. Gewöhnlich meide ich Ritte um diese heiße Jahreszeit, aber Okahandja ist eben nah bei Windhoek und wenn man einen Anhänger mieten muss, ist das ein wichtiger Punkt. Auch hatte ich angenommen, dass ich bis 11 oder halb 12 Uhr fertig sein würde.

Nachdem Zaïda ihr Recht bekommen hatte und im kleinen Auslauf friedlich ihr Heu mampfte, habe ich versucht, zu essen, aber das ging noch nicht. Mein System musste sich erst wieder beruhigen. Gut taten mir die Weintrauben und Wasser, Wasser und noch mehr Wasser zum Trinken. Man darf nicht unterschätzen, wie viel Flüssigkeit man auf so einem Ritt verliert. Auch die Pferde trinken nachher reichlich Wasser, 20 bis 40 Liter sind gar nichts. Unterwegs hatte ich an den letzten Tränken auch immer meinen Helm abgenommen und den Kopf ins Wasser getaucht. Das tat gut! Neben meiner Stute habe ich auch aus dem Trog getrunken, die kleine Wasserflasche war schon lange leer. Einen Rucksack mit Wasser, auch Camelbak genannt, nehme ich nur auf der 3. Runde bei einem 80 km Ritt mit. Diesmal wäre es auch gut gewesen.

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So ist es richtig

Eine gute Stunde habe ich bei Zaïda im Stuhl gehockt und mich entspannt. Dann habe ich sie mit einem Lappen und Wasser vom Salz und Staub gereinigt, die Hufe noch mal gecheckt und dann mit reichlich Heu und Wasser auf ihren Stall gebracht. Dort hatte sie Gesellschaft von einem Dressurpferd vom Reitclub Okahandja. Was die sich wohl erzählt haben?

Dann ging’s in unser Quartier direkt um die Ecke vom Reitclub. Ins Schwimmbad, um die müden Glieder zu lockern, duschen und ins Bett. Clemens hat für zwei geschlafen, wir waren ja um 4:30 aufgestanden; 1.5 Stunden vor dem Start. Ich konnte wie immer nicht schlafen, aber ausruhen und genießen, dass alles vorbei und überstanden ist. Dann kamen die Gedanken, wie war das mit der Höchstzeit? Wieso 7.5 Stunden Zeit? Wo war der zweite Zeitslip noch mal? Als ich ihn endlich fand und die Zahlen darauf sah, viel mir das Herz bis auf die Erde. Reitzeit: 6:01!!! Eine Minute über der erlaubten Höchstzeit, damit war ich draußen; rausgeflogen wegen Langsamkeit. Mein Hals schnürte sich zusammen und mit dem Handy in der Hand schlich ich mich aus dem Zimmer. Draußen rief ich Rudolf, unseren Präsidenten an. „Hab gerade erst meine Zeit gesehen, bin ich draußen?“ Luft holen. „Nein, wir haben beschlossen, dass du drin bist.“ Hurra und nochmals Hurra! Ich bedankte mich und legte mich wieder ins Bett. Es war nur ein kleiner Clubritt gewesen, so waren sie milde bei nur einer Minute zu viel. Nur so zum persönlichen Vergleich: im April 2015 machte ich mit Zaïda ihren ersten 80 km Ritt in 6:07 Minuten. Die Profis ziehen das in 4 Stunden ab, aber dazu gehöre ich nicht.

Am Abend nach der Preisverleihung saßen alle gemütlich unter dem Schattendach auf der Veranda des Okahandja Reitclubs, als plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm von den Ställen herkam. Es klang, als ob ein Pferd total in ein Auto getreten hätte. Ich sprang auf und rannte los. Alle rannten in die Richtung, aus der es geknallt hatte. Die Pferde waren diesmal ganz unschuldig. Ein dicker Ast von einem Kameldornbaum war auf einen Bakkie gefallen. Der Bakkie war total hin, die Autos links und rechts daneben etwas verschrammt. Ein Reiterehepaar hatte dort sonst immer ihr Zelt und Bakkie stehen. In diesem Jahr zelteten sie zum Glück woanders.

Dies war für mich ein echter Ausdauerritt geworden, anstrengender als ein 80 km Ritt. Ich habe viel gelernt dabei und noch am Sonntagabend, nachdem Zaïda wieder zu Hause war, gleich mit den Maßnahmen begonnen. Sie wusste ja, dass sie zur Herde rauskommt und da läuft man eifrig los. Diesmal hatte ich aber eine Gerte dabei und sie musste dreimal anhalten, umdrehen und ein kurzes Stück in die andere Richtung laufen. Bei Zaïda braucht man die Gerte nicht groß benutzen, nur dabei haben und sie antippen und keine Zicken erlauben. Sie wusste auch genau, dass ich nun nichts dulden würde. Auf den Ritten sind Gerten oder Sporen nicht erlaubt, aber erst mal sollte sie bessere Manieren lernen.

So ließ ich sie in das Feld laufen, von dem ich annahm, dass dort die Herde noch sei. Christiane wusste auch nichts Gegenteiliges und solange waren die da noch nicht drin gewesen. Absatteln und am Tor auf Clemens warten, der mich und mein Sattelzeug nach Hause holen sollte. Es waren nur ca. 3 Kilometer vom Haus. Zaïda blieb noch in der Nähe und graste. Dann hörte ich das vorherige Tor scheppern. Komisch, dachte ich, Clemens macht das Tor auf, aber ich höre kein Motorengeräusch. Das andere Tor war nah, aber nicht in Sichtweite. Zaïda spitze ihre Ohren, hörte auf zu grasen und war irgendwie angefasst. Clemens tauchte nicht auf. Es dämmerte inzwischen. Dann rief er an, „Da liegt ein totes Zebra vorm letzten Tor, da komme ich nicht durch, ich fahre anders herum.“ Ich rief sogleich jemanden von der Farm an, damit das Zebra notgeschlachtet werden konnte. Dies wurde nicht gemacht, weil das Fleisch sofort verdorben sei. Seltsam, es waren doch nur ein paar Minuten vergangen.

Distanzritt OKA 16-1

Mein bester Helfer

Inzwischen war es stockfinster und ich nahm an, dass ein Leopard das Zebra gerissen hatte. Mir war nicht so ganz wohl mehr, auch war Zaïda inzwischen weg gelaufen auf der Suche nach der Herde. Endlich kam mein Heimtransport und wir sahen uns das Zebra an. Eine junge Zebrastute hatte sich glatt das Genick an dem Tor gebrochen, das meistens offen war. Das Tor war gut verbeult. Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass sich in meiner Nähe ein wildes Tier das Genick gebrochen hatte. Damals war es ein großer Hase gewesen, der im Balzrausch vor einen Baum gelaufen war. Ich war mit meinem Pony im Schneetreiben unterwegs gewesen und hatte den Hasen als Beute hinterm Sattel mit nach Hause gebracht. Wir haben ihn geschlachtet und er hat uns gut geschmeckt. Martina wird sich noch daran erinnernJ.

Am folgenden Tag hatte ich in den Schultern ziemlichen Muskelkater, in den Beinen auch, aber nicht so dolle. So wollte ich es ruhig angehen lassen und ging in das Feld, wo die Pferde waren, um nach dem Futtersack oder Nasensack zu suchen, den Zaïda dort verloren hatte, als Clemens sie in meiner Abwesenheit gefüttert hatte. Sie war mit dem Nasensack im Gesicht hinter gerade von der Farm gekommenen Pferden hergerannt. Zum Glück hatten sie Zaïda bald auf der anderen Seite des Feldes, ohne ihren Nasensack gesehen. Jenen wollte ich also suchen. Zog wieder meine Kühlweste an, den Camelbak mit Wasser auf den Rücken geschnallt und los ging‘s. Ausgangspunkt ihrer kleinen Stampede war der Damm gewesen, wo die Pferde trinken. Dort angekommen, stellte ich mit Schreck fest, dass der knochentrocken war. Es gab auch keine frischen Spuren von Rindern oder Pferden, kein frischer Dung, nix. So marschierte ich durch die Mittagshitze hin und her. Gerade als ich dachte, ich will lieber mein Pferd finden, als den Nasensack. Da fand ich ihn.

Distanzritt OKA 16-1

Gut, dass hier keiner gezeltet hat.

Schließlich gab ich auf, lies aber das Tor zum Nachbarfeld und damit den Zugang zu Wasser offen. Inzwischen wusste ich, wo die Herde war, suchte aber am Abend noch einmal zusammen mit Clemens nach Zaïda dort, wo ich sie hingebracht hatte. Bevor es ganz dunkel wurde, fuhren wir zum Feld, wo die Herde war. Dort stand meine Zaïda mit den anderen und ich war unendlich beruhigt. Wie sie es geschafft hatte? Das weiß keiner so genau. Zaïda kennt die gesamte Farm von unseren Trainingsritten und einige Zäune auf Krumhuk haben schon bessere Zeiten gesehen. Leider hatte ein anderes Pferd der Herde eine lange Risswunde an der Schulter, eindeutig von einem Draht ausgelöst. Das wurde später natürlich behandelt. Zaïda war zufrieden in ihrer Herde und hatte erst mal mindestens eine Woche Urlaub.

Für die Zukunft merke ich mir: kleine Macken beim Pferd werden schnell zu großen Macken, wenn man nichts unternimmt. Das Pferd muss ausreichend fit sein und nicht einfach nur so aussehen. Man muss große Abstriche an das Wetter machen. Kälte, Hitze und Luftfeuchtigkeit sind Faktoren, die einen großen Einfluss auf Pferd und Reiter haben. Ja, also nichts Neues eigentlich. Langsam reiten ist in der Hitze total angesagt, nur eben nicht ganz so langsam. Für den nächsten Distanzritt, wieder einen 80er, werde ich sie topfit machen und wesentlich disziplinierter. So jedenfalls mein Plan. Ach, und bei der Preisverleihung am Abend bekam ich auch noch den 1. Platz, weil die Konkurrenz ausgefallen war. Als ich meine Urkunde von Peet in Empfang nahm, sagte ich zu ihm: „Die hab ich gar nicht verdient.“ „Du hast den Ritt schließlich beendet und bestanden oder?“ Das Motto beim Distanzreiten ist eben: „To finish is to win!“

Posted in African adventure, Animal behaviour, Distanzreiten, Endurance riding, Namibia
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