Sossusvlei – Rote Dünen der Namib

SONY DSCUnser zweiter Winter in Namibia war schon fast vorbei, es wurde dringend Zeit für einen Trip ins Sossusvlei zu den berühmten roten Dünen, bevor es wieder zu heiß wurde. Namibia liegt auf der südlichen Halbkugel, so herrscht hier im August noch Winter. Am Sonntag, den 26. August war Heroes Day, Heldengedenktag und somit der Montag ebenfalls ein Feiertag. Wenn in Namibia ein öffentlicher Feiertag auf einen Sonntag fällt, so ist der darauf folgende Montag ebenfalls ein Feiertag, damit alle auch einen freien Tag bekommen. Diese Regelung sagt bereits einiges über die hiesige Arbeitsmoral aus. Für uns ergab sich so ein guter Reisetermin.

Auch hatten wir von unserer Dezemberreise noch Hotelgutscheine, die am 31. Oktober verfallen würden. Diese Gutscheine sind eine prima Möglichkeit, die Reisekasse zu schonen, denn Namibia ist kein billiges Urlaubsziel. Bei www.bwana.de und Sense of Africa kann man diese Gutscheine, die ein Jahr gültig sind, beziehen. Man rechnet sich grob aus, wie viele Gutscheine man für die geplante Reise benötigt und bestellt die entsprechende Zahl. Ich hatte für unsere vorherigen Reisen großzügig geplant und noch Gutscheine übrig. Man kann frühestens 72 Stunden vorab bei dem jeweiligen Hotel oder Lodge anrufen. Ich frage immer zuerst, ob sie ein Zimmer frei haben. Wenn ja, dann sage ich, dass wir mit Gutscheinen kommen. Meist wird man dann darauf hingewiesen, dass ein Gutschein nur für ein Zimmer für zwei Personen gilt, alle Extras und Mahlzeiten zusätzlich bezahlt werden müssen. Mit den Gutscheinen bekommt man ein Heft, in dem alle Lodges und Hotels, bei denen man damit bezahlen kann, aufgelistet sind. Jede Lodge ist mit einer kleinen Beschreibung sowie mit Anfahrtshinweisen und Telefonnummer aufgeführt. Für unsere Zwecke passte das wunderbar, denn wir waren nicht an einen absolut festen Reiseplan gebunden. So konnten wir 2011 in dem herrlichen Dolomite Camp im Etosha Nationalpark einfach eine Nacht verlängern. Ein kurzer Anruf bei unserer nächsten Lodge genügte. 2011 koste ein Gutschein 600$NAM, d.h. eine Nacht kostete etwa 30€ pro Person. Mir hatte Carsten von Bwana noch all die Lodges markiert, bei denen der Preisunterschied besonders hoch war, die aber auch guten Service bieten. Nicht alle Lodges sind mit 1300$NAM pro Person und Nacht auch automatisch gut.

In diesem Jahr klagen viele Hotelbesitzer über mangelnde Gäste; ob es an den hohen Preisen in Namibia liegt, der Eurokrise oder beidem, wer weiß. Inzwischen kommt noch die fast zuverlässige Unzuverlässigkeit von Air Namibia hinzu – ein staatliches Unternehmen.

Jedenfalls wurden wir freundlich im Le Mirage aufgenommen und die Angestellten gaben sich wirklich alle erdenkliche Mühe, damit wir uns wohl fühlten. Zunächst hatten sie uns in ein Zimmer in dem Gebäude untergebracht, in dem sich auch die Rezeption befindet. Dieses Zimmer war in Ordnung, aber von meiner Cousine, die im Frühjahr bereits hier gewesen war, wusste ich um größere Zimmer mit Balkon im Erdgeschoss. Sogleich führte man uns in ein anderes Gebäude, das wie alles hier im marokkanischen Stil gebaut war. Mir war der Stil egal, wir wollten die Dünen sehen, sauber und ruhig schlafen und lecker essen. Das bekamen wir auch alles.

Das Zimmer war wirklich recht groß, hatte zwei Waschbecken, eine Dusche und ein WC, aber alles nur mit halbhohen Wänden abgetrennt vom Schlafraum. Wichtig für uns war der kleine Kühlschrank und der Heißwasserkessel sowie Tee- und Kaffeebeutel nebst Milch, so dass wir uns früh morgens selbst Tee zubereiten konnten. Das breite Bett mit Moskitonetz war bequem und die große Tür ging auf unsere kleine Veranda hinaus. Zum Glück war das Nebenzimmer nicht besetzt, sonst hätte man sich gegenseitig auf die Veranden geguckt. Das Gebäude ist nicht von einem Fachmann oder –frau geplant worden, das erkennt eben ein solcher.

Die Fenster geben den Blick frei auf die grasbedeckte Ebene, die sich bis hin zu den sachte ansteigenden Bergen ausdehnte. Nach so langer Zeit in der Stadt empfand ich es als absolute Wohltat, wieder einen riesigen, offenen Himmel über mir zu haben und genoss früh am nächsten Morgen die Weite und Stille dieser so zart und anmutig wirkenden Landschaft. Es sind die Pastelltöne, die diese Landschaft so sanft erscheinen lassen. Die Berge und Dünen in sanftem Gelb und Ocker, die Ebenen in mildem Graugrün vor schroffen Bergen, die bei einem bestimmten Lichteinfall zartrosa erscheinen. Natürlich ist mir klar, dass ohne eine funktionierende Lodge im Rücken nichts in dieser Landschaft mehr zart und anmutig sein würde, vielmehr würde mich das harsche, unerbittliche Klima binnen kürzester Zeit in eine Mumie verwandeln.

SONY DSCWie immer wachte ich recht früh, so gegen sechs Uhr, auf. Nach dem Früh-Tee wollte ich meine Beine strecken; Stefan wollte in Ruhe seine Übungen machen. So marschierte ich los, in diese herrliche Weite hinein, geradewegs auf eine Hügelkette zu. Struppig kurzes, gelbes Gras bedeckte die Ebene, das Laufen war leicht. Es wurde noch leichter, als ich auf den ersten Quadbike Pfad traf. Zum Glück gab es während unseres Aufenthaltes keine Gäste, die Quadbike fahren wollten. Wäre aber auch nicht so schlimm geworden, denn die Fahrwege liefen alle weit hinter die Hügel hinaus. Nach einer Weile verließ ich den Weg und hielt auf den höchsten Punkt in der Hügelkette zu. Hier machte angewehter Sand das Gehen etwas schwerer. Inzwischen war die Sonne über den Bergen hinter der Lodge aufgegangen und ich sah einen Heißluftballon davor landen. Die starten immer sehr früh, weil später der Wind zu stark werden kann. Alle wollen gern über die roten Dünen fliegen, aber oft kommt der Wind vom Meer her und treibt den Ballon landeinwärts. Dennoch muss so ein Flug traumhaft schön sein. Oben auf dem Kamm angekommen, sah ich, dass es doch nicht der höchste Punkt war, der lag direkt daneben. Also bin ich dort noch raufgewandert, denn das war mein Ziel, den höchsten Punkt dieser kleinen Bergkette zu besteigen. Von oben hatte man einen herrlichen Rundumblick. Ich setzte mich auf einen Stein und genoss die Ruhe. Endlich völlig frei vom ewigen Hundegebell in Windhoek. Ein kleiner schwarz-weißer Vogel setzte sich neben mich auf einen Busch und brachte mir ein Morgenständchen. Menschen, die vor mir hier gewesen waren, hatten ein paar kleine Steine aufgestapelt als Zeichen ihres Besuches. Diese harmlosen Zeugnisse findet man gelegentlich hier. Alsdann machte ich mich an den Abstieg, denn ich hatte ja noch eine Verabredung zum Frühstück. Die gar nicht so kleine Lodge lag wie ein Spielzeug in der Ebene, so winzig wirkte sie von hier oben. Man hatte Steine aus einem der Hügel zum Bau verwendet, daher fügte sie sich farblich wunderbar in die Landschaft ein.

SONY DSCKurz vor der Ebene kam von rechts aus den Hügeln ein Schakal angelaufen. Es war ein Schwarzrückenschakal. Ich blieb sofort stehen, um ihn nicht zu erschrecken. Er oder sie blieb auch stehen, sah zu mir herüber, dann wandte er sich wieder aufmerksam der Umgebung zu, wie es alle wilden Tiere tun. Wenn er nicht hersah, ging ich ein paar Schritte vorsichtig weiter. Sah er zu mir, blieb ich sofort wieder stehen. Das ging eine ganze Weile gut. So gut, dass ich mich bereits wunderte, als der Schakal sich wieder in Bewegung setzte. Er drehte ab und während ich langsam weiterging, schlug er einen großen Bogen um mich herum, so dass er nun genau hinter mir lief. Ich ging auf einem Wildwechsel, denn dort liegen fast keine Steine. Der Schakal lief auch auf diesem Wildwechsel ungefähr 70 Meter hinter mir. Langsam ging ich weiter und er folgte. Der Abstand verkürzte sich. Ich blieb stehen und drehte mich ganz um. Nun war er wirklich sehr nah und ich konnte seine schönen, schräggestellten schwarzen Augen genau sehen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Als ich weiterging, lief er höchstens 15 Meter hinter mir. Gedanken an Tollwut, die es im Norden von Namibia derzeit gab, kamen mir in den Sinn. So bückte ich mich und hob einen größeren Stein auf. Nur für alle Fälle. Der Schakal behielt diesen geringen Abstand recht genau bei und bald warf ich den Stein wieder weg. Irgendwann sah ich wieder über meine Schulter und er war verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Ich war wieder in der Ebene und lief direkt auf die nahe scheinende Lodge zu, brauchte aber noch zwanzig Minuten bis ich ankam. Entfernungen können sehr täuschen hier.

In der Ferne hatte ich einen einsamen Gemsbock oder Oryx gesehen. Mit ihrem sandgrauen Fell passen die großen Antilopen perfekt in diese Landschaft. Die schwarz-weißen Streifen im Gesicht geben ihnen ein ganz besonders exotisches Aussehen. Man darf sich aber nicht täuschen, ein Gemsbock weiß seine langen Spieße sehr gut zu benutzen und wird es auch tun, wenn es ihm scheint, er soll dein Abendessen werden. Ich liebe diese herrlichen Tiere, die echte Überlebenskünstler sind, was sie hier auch sein müssen. Später am Abend sah ich von unserem Fenster aus vier oder fünf Gemsböcke, die sich an der beleuchteten Wasserstelle spielerisch rangelten.

oryxVor der Lodge sah ich noch einen Springbock, der sich mitten in die Ebene zum Ausruhen hingelegt hatte. Insgesamt hatte mein kleiner Ausflug 1,5 Stunden gedauert und ich hatte inzwischen guten Appetit auf das Frühstück.

Die Auswahl war reichlich, neben dem üblichen, warmen Frühstück mit einer Auswahl an Eiern, Speck und Würsten gab es verschiedene Brotsorten, natürlich alle selbstgebacken, denn hier gab es weit und breit keinen richtigen Ort. Müsli, Joghurt und Obst nebst Honig und Marmeladen rundeten das Angebot ab. Ich hatte Hunger und langte auch kräftig zu. Wir brauchten später kein Mittagessen.

Da wir erst am Freitagabend in der Dunkelheit angekommen waren, wollten wir uns Sonnabend nur relaxen. Das taten wir auch reichlich. Lesen, schlafen, Teetrinken im Bett, dann noch einmal wandern, warum nicht?

Da ich die Hügelkette zur linken schon erkundet hatte, schlug ich eine Wanderung zur rechten Seite vor. Dort gab es zwei Hügel, zwischen denen der Wüstensand aufgeweht war. An diesem Hang befanden sich seltsame Kreise. Von der Lodge aus gesehen, sahen sie wie Spuren der Quadbikes aus. Weit gefehlt. Als wir näher kamen, sahen wir, dass es sich um die mysteriösen Kreise der Namib handelt, die sich die Wissenschaftler nicht erklären können. Diese Kreise haben unterschiedliche Größen, sind aber alle perfekt rund und nichts wächst in ihnen. Ich hatte mir gedacht, dass die giftigen Euphorbien, die hier vorkommen, eventuell mit ihrem Gift, nachdem sie abgestorben waren, den Boden verseucht hatten.

Bei unserem ersten Besuch der Namib im Dezember letzten Jahres, wohnten wir, ebenfalls mit Gutscheinen, in der Namib Naukluft Lodge. Eine sehr alte, aber total gepflegte Lodge mit super freundlichen Angestellten. Am Abend machten wir von hier aus eine Sundowner Tour. Das war lohnenswert, denn man lernt sogar über-lebenswichtiges: die schlanken Euphorbien, die zu großen Sträuchern wachsen können, gehören zu den Wolfsmilchgewächsen, deren milchige Flüssigkeit hochgiftig ist. Die Euphorbia damarana gedeihen an felsigen Standorten, und zwar dort, wo die Felsen wie Regensammler wirken. Exotisch sind sie an zu sehen, aber auch tödlich giftig! Ein wenig von dem milchig-weißen Saft auf eine Wunde am Finger kann extrem unangenehme Folgen haben. Camper sollten darauf achten, kein Feuer mit den trockenen Ästen dieser Pflanzen zu machen. Selbst der Rauch ist noch tödlich giftig. Unter folgendem Link [http://www.namibian.org/travel/namibia/uis.html], kann man kurz vom Schicksal 16 (!) Reisender lesen, die die trockenen Teile dieser Pflanze zum Grillen ihres Abendessens nahmen. Keiner von ihnen erwachte am anderen Morgen. Also, aufgepasst und mitgedacht!

Hier gab es aber nirgends diese Euphorbien und auf dem ansteigenden, sandigen Hang zwischen den beiden Hügeln lagen die Kreise in allen Größenordnungen dicht and dicht. Also hier gibt es noch ein Geheimnis auf zu klären. Bald waren wir oben auf dem Kamm angelangt und hatten einen wunderbaren Ausblick auf das tiefe Tal dahinter. Inzwischen war es warm geworden und ich erspähte ein kleines Bäumchen etwas unterhalb auf dem sandigen Abhang.

‚Ich setzt mich da mal kurz hin,‘ und schon stapfte ich munter drauflos.

‚Geh du man, ich bleib hier‘, sagte Stefan.

Zu spät bemerkte ich, dass die Luvseite der Dünen, denn darum handelte es sich hier, sehr steil abfiel. Aber zurück ging‘s nun nicht mehr, also plumpste ich neben dem Bäumchen in den Sand, um meine Lage zu peilen. Der Abhang ging sehr steil und sehr weit nach unten, vielleicht 70 m, aber schwer zu sagen. Zudem war der gelbe Sand hier noch mit Felsbrocken gespickt, die wie ich bald feststellte, meist auch noch lose waren. Die Chancen, sich hier den Kopf fein einzuschlagen beim Runterkegeln, standen recht gut. So hockte ich da nun wie eine junge, dumme Katze oben in einem Baum. Auf mein Klagen hin meinte Stefan, es hülfe ja auch gar nichts, wenn er sich auch in diese prekäre Lage begeben würde. Stimmte auch. Da half alles nichts, ich musste mir hier selbst wieder raushelfen. Allerdings hatte Stefan von oben einen besseren Überblick und schlug mir die beste Route vor. Wir haben ja alle schon einmal free-style Kletterer gesehen, wie sie mit weit ausgebreiteten Armen und Beinen an einer steilen Felswand kleben. So sah das bei mir auch aus. Zentimeterweise kam ich voran, machte mich breit wie eine Spinne und klebte mich flach in den Sand. Schnell lernte ich, dass die ganz kleinen Steine nichts taugen, nur die großen Brocken im Sand gaben Halt. Wie lange, kann man ja nicht wissen, also nicht zu sehr verweilen. Stefan fand ein Gummistück, wie von einem Autofenster, das unten sogar schon einen dicken Knoten hatte. Oberhalb von mir stehend, warf er es mir zu. Nun musste ich meinen gerade errungenen Halt mit einer Hand aufgeben, um danach die Hand langsam nach oben zu schieben. Ich sah nach unten, warum weiß ich nicht. Der Anblick des steilen Abhangs war auch nicht erbaulich. Noch ein wenig schob ich die linke Hand hoch, endlich hatte ich den Knoten in der Hand. Nun zog Stefan und half mir. Vielleicht hat die heiße Sonne das Gummi mürbe gemacht … da riss es auch schon. Gut, dass ich damit gerechnet hatte. ‚Das ist ja wie im Film,‘ lachte Stefan. Ja leider bin ich jetzt kein Zuschauer. Meine Knie zitterten, denn mehrfach musste ich mich mit einem Bein aus einer physikalisch ungünstigen Position hochdrücken. Vielleicht war es auch die Anspannung oder beides. Ich hatte mich so auf diesen Kurzurlaub gefreut, nun konnte ein kleiner Fehler alles vermiesen. Endlich waren es nur noch ein paar Meter und dann hatte ich es geschafft! Auch war ich geschafft, aber Erleichterung und Freude vertreiben schnell alle Wehgefühle in den Knochen.

Am Nachmittag gönnten wir uns beide eine wohltuende Massage vor der Siesta. Danach wollte Stefan noch einmal wandern, ich ging natürlich wieder mit. So lief ich insgesamt fünf Stunden an diesem Tag. Normalerweise sind wir fauler, aber die Landschaft ist einfach zu schön und das Laufen tat gut.

Nun hatten wir ja nur noch den Sonntag, um ins Sossusvlei zu den roten Dünen zu fahren. Leider herrschte genau an diesem Sonntagmorgen strammer Ostwind mit Sturmböen, also heißer Wind aus dem Inland. Der letzte Teil der Strecke zum Sossusvlei im Nationalpark ist sandig und man braucht definitiv ein Allradfahrzeug, oder fährt gleich mit einem Wagen der jeweiligen Lodge. Unser Bakkie (Afrikaans für Pick-up) hat Allradantrieb, so konnten wir selbst fahren. Man fährt entlang des vlei, eines uralten Flusslaufes, der aber in guten Regenjahren reichlich Wasser führen kann. Dann kann keiner hier rein und die Safariveranstalter knirschen mit den Zähnen. Jetzt war alles knochentrocken und wir fuhren zunächst auf asphaltierter Straße hinein und bestaunten die roten Dünen, die links und rechts die Landschaft säumten. Halbmondförmig wie riesige Croissants krümmten sie sich und ich stellte mir die Buchten, die sie so bildeten, als Dinosaurier Schlafplätze vor. Die Größenordnung kommt ungefähr hin.

Wir sahen Springböcke und Strauße. Dann kam Düne 45 (80 m hoch) auf deren Grat wie kleine Ameisen Leute bereits hinauf kletterten. Auf dem Parkplatz stand neben etlichen Allradwagen auch einer der knallgrünen Busse von SWA Safaris, also waren hier mindestens 40 Leute am Kraxeln. So fuhren wir weiter. Auf dem nächsten Parkplatz hielten wir und liefen Richtung dead vlei, also totes Flach. Hier machten sich viele auf, den Big Daddy, die höchste Düne (etwa 325 m) in diesem vlei, zu besteigen. Die war uns echt zu hoch. Zur rechten lag eine Düne mit sanfter Steigung, die ganz jungfräulich dalag und noch keine Fußabdrücke hatte. Dies war unsere Düne, die hatte sich für uns aufgehoben. Auf ging’s. Gelegentlich mussten wir breitbeinig auf dem Kamm stehenbleiben, um nicht von einer starken Böe weggeweht zu werden. Stefan wollte schon umkehren, aber gegen mein Erlebnis vom Vortag war das hier ein Klacks. Auch waren diese roten Dünen nicht mit Felsbrocken gespickt, man hätte sich zur Not einfach fallen lassen und runterrollen können. Spuren vom Big Daddy herunter zeigten, dass einige dies schon gemacht hatten. Ich hatte gehofft, das später noch zu sehen, aber niemand ließ sich hinunter rollen, als wir dort waren. So wanderten wir den Kamm entlang, ich ging voraus. Irgendwo haben wir uns mal hingehockt und die Landschaft zu unseren Füssen genossen. Im hellen Sand des dead vlei standen uralte Bäume, die abgestorben waren, als die wandernden Dünen dem Tsauchab Fluss den Weg zum Meer endgültig versperrten. Danach ging Stefan voran und ich merkte, dass es wesentlicher einfacher ist, als Nr. 2 in seine Fußstapfen zu treten.

Anschließend fuhren wir über die Sandpiste weiter zum vlei ganz am Ende des Sossusvlei. Man hatte uns geraten, keinem entgegenkommenden Fahrzeug auszuweichen, denn im ganz tiefen Sand würden wir festsitzen. Es war auch so spannend genug. Man braucht genug Schwung, um nicht stecken zu bleiben. Einmal hatten wir so eine lahme Gurke vor uns, das wurde dann knapp, aber wir kamen doch gut durch. Da es 2011 irre viel geregnet hatte, gab es hier am Ende noch einen kleinen See. Umzingelt von riesigen Dünen am südlichen Ende, gesäumt von Kameldornbäumen (Acacia erioloba), in denen unzählige Webervögel lärmten, gab es ein seltsames Bild inmitten der sandig trockenen Landschaft. Ein einsamer Flamingo mit halberwachsenem Jungvogel mutete auch fehl am Platz an. Eigentlich leben sie in großen Kolonien in der Lagune in Sandwich Harbour oder Walvis Bay. Von dort ist es ein 210 km langer Flug entlang der Küste nach Süden, dann über ein rotes, heißes Sandmeer bis zum Wasser am Ende des Sossusvlei. Meist ist es hier aber knochentrocken. Flamingos aus Südafrika fliegen bis Walvis Bay und auch in die Etosha, wenn dort Wasser ist.

Inzwischen hatte der Wind stark zugenommen. Ich musste aber unbedingt auf die höchste Düne hier und wir sind hinter dem See die sanft ansteigende Anhöhe hinauf gelaufen. Diese ist aber auch nicht ohne etwas Schweiß und Kraftaufwand zu haben. Stefan wurde es in dem Wind zu dumm. Dann bin ich allein weiter, bis zum höchsten Punkt, zum Schluss auf allen vieren gegen den Wind kriechend, wobei ich meine Finger wie Krallen in den roten Sand grub. Endlich oben am Kamm angekommen, lag ich platt auf dem Bauch, konnte trotz Sonnenbrille nur ganz kurz immer blinzeln, um etwas zu sehen, denn ich bekam den Sand voll ins Gesicht geblasen. Dennoch bekam ich meinen Rundblick in die immense Weite. Allerdings sah ich kein endloses Dünenmeer, sondern nur mehr Dünen und weitere dead vleis, also eigentlich dasselbe noch mehrfach wiederholt.

Auf dem Weg nach unten stopfte ich mir die Hosentaschen voll mit rotem Sand als Souvenir. Stefan machte ein Foto von meinem Gesicht: Sonnenschutzcreme unten drunter und roter Sand als Auflage; fertig paniert. Sieht fein aus.

Meine Anstrengungen haben sich gelohnt: ein schmales Glas gefüllt mit den unterschiedlichen Sandfarben dieser fantastischen Landschaft erinnert mich an die vielen ganz unterschiedlichen Eindrücke von dieser Reise.

Ein Angestellter des Le Mirage hatte mir ein Gefäß für meinen Sand gegeben, das ich prompt im Restaurant dort habe stehen lassen. Nun war er hinter unserem abfahrenden Auto hergerannt … wir blinden Nüsse merkten nichts. Ein Ehepaar aus Österreich, mit dem wir uns in Windhoek noch vor ihrer Abreise treffen wollten, sah ihn rennen und nahm den Sand für mich mit. Einige Tage später überreichten sie ihn mir beim gemeinsamen Abendessen.

Anmerkung

Vlei = Afrikaans für Marsch und entspricht in etwa dem Norddeutschen Flach


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