Verkehr in Namibia – einige Besonderheiten

Porky tinyVor Fahrtantritt sollte man sich vergegenwärtigen: alles, was man sich an Ereignissen, die Fahrzeuge involvieren, vorstellen kann, ist hier möglich und zu erwarten. Besser auch noch Fußgänger und die eher seltenen Radfahrer hinzufügen. Fußgänger betrachten die Straßen auch als ihren Bürgersteig und Handelsplatz. Radfahrer treten eher in Rudeln bei Sportveranstaltungen auf. In vielen afrikanischen Ländern kann man sich dies leicht vorstellen, wenn man gleich vor dem Flughafen in das allgemeine Chaos eintaucht. Namibia täuscht den arglosen Reisenden mit seiner augenscheinlichen Aufgeräumtheit und oberflächlichen Ordnung: alles nur Tarnung!

Grundsätzlich ist zu beachten, daß alle Fahrzeuge im Lande, egal ob PKW, LKW, Minibus oder Bakkie (Pick-up) Sparmodelle ohne Blinker sind. Weiter sollte man bedenken, daß die Autofahrer hier zwar aussehen wie normale Erwachsene, sich aber selten so verhalten. Sie fahren, als ob der lokale Kindergarten einen lustigen Ausflug veranstaltet, bei dem spontane und irrsinnige Handlungen vollen Applaus bekommen. So sitzen auch Kinder unangeschnallt auf dem Vordersitz oder vorn auf dem Schoß von Erwachsenen, damit sie der Windschutzscheibe noch näher kommen.

Von Windhoek geht eine zweispurige (insgesamt vier also) Straße Richtung Norden nach Okahandja und auch Etosha. Hier finden die meisten Verkehrsunfälle statt, nicht weil die Autofahrer hier dümmer sind, sondern wegen dem höheren Verkehrsaufkommen als an anderen Orten im Land von nur 2 Millionen Einwohnern. Als Neuankömmling könnte man diese Straße leicht für eine Art Autobahn ansehen. Eine vielseitig benutzbare, multifunktionale Fahrbahn ist eine treffendere Beschreibung. In der Auffahrt von der Independence Avenue ist besondere Vorsicht zu walten, denn dort stehen all die Fahrzeuge, die zwecks Kostensparung noch andere Reisende einsammeln. Auf der rechten Seite hat die Stadt kürzlich Pfosten eingelassen, um den Leuten diese ökonomische Mitfahrerzentrale zu erschweren. Etwas weiter auf der Piste verkaufen Händler auf dem Mittelstreifen Wannen usw. aus alten LKW Reifen gefertigt. Dies ist eine wirtschaftlich geschickte Plazierung, denn so können Kunden aus beiden Fahrtrichtungen anhalten. Auf den gesamten ersten 50 km findet reges Treiben entlang der Straße statt. Die Dürre hat den lokalen Frauen eine neue Geschäftsmöglichkeit mit dem Verkauf von geschnittenen Grasbündeln geschaffen. Daneben stehen viele Futtersäcke, nun gefüllt mit den Schoten der Kameldornbäume. Kühe, Pferde, Ziegen, alle lieben diese Samenschoten.

An der ersten Brücke gen Norden, deren Abfahrten ins nördliche Industriegebiet führen, fahren naturgemäß viele LKW auf und ab. Leider machen etliche auch gleich wieder einen U-turn, also eine totale Kehrtwendung über den Grünstreifen, der nun aber wegen der Dürre schon lange gelb ist. Sollte man angepaßt also Gelbstreifen nennen. Die langen LKW blockieren sehr effektiv kurzfristig alles ab, schleppen gleichzeitig noch Steinchen zum Schleudern gegenWindschutzscheiben auf die Piste, so das alles viel aufregender wird. Richtig spannend wird das Ganze erst nachts im Dunkeln. So hatte ich einmal die gesamten Fahrspuren direkt vor mir blockiert, von was, konnte ich gar nicht recht erkennen, denn der LKW gab mir seine Breitseite, wo keine Leuchten sind. Eine andere kleine Asphaltblase mußte über den Gelbstreifen auf die Gegenfahrbahn ausweichen – wurde also zum Zwangsgeisterfahrer. Was Reisende aus verkehrstechnisch langweiligen Ländern gemeinhin als Überholspur ansehen, ist hier lediglich eine weitere Fahrbahn.

120 km/h lohnen sich also durchaus einzuhalten. Außerdem stehen zwischen der ersten und zweiten Brücke gen Norden immer Polizisten und blitzen. Wird man geschnappt, ist das richtig teuer. 130km/h also nur 10 km/h drüber kosten gleich 1,500 $NAM, also stramme 150 € etwa. Ansonsten mischt sich die Verkehrspolizei nicht so gern in das allgemeine Treiben ein. Man kann auch die Fahrzeuge mit den grünen Kennzeichen mit POL — sehen, wie sie bei dunkelrot über Kreuzungen huschen.

Einige Besonderheiten im Einzelnen:

1. In Namibia herrscht Linksverkehr, also andersherum als in Europa, wie in England z.B. Man gewöhnt sich recht schnell daran. Einfach so fahren, wie alle anderen, aber auch nicht ganz, siehe alle weiteren Hinweise. Gelegentlich, kann man leicht in alte Fahrgewohnheiten zurückfallen, wenn man rückwärts fährt, den Kopf nach hinten über die Schulter dreht. Dabei verrutscht mal kurzfristig etwas in den Gehirnwindungen, und schwupp ist man auf der falschen Seite.

2. Kreisverkehr In Windhoek gibt es davon reichlich, was auch gut den Verkehr fließen läßt. Vorfahrt haben die Fahrzeuge im Kreis. Nun ist zu beachten, daß bei zweispurigen Kreiseln, die innen fahrenden Autofahrer sich kurz vor einer Ausfahrt spontan entschließen, raus zufahren, und das sollte man voraussehen, um die Karosserie des eigenen Autos zu schonen.

3. Ampeln Dies ist nun ein wichtiges Thema. Steht man als erster an einer Ampel, sollte man bei Grün umsichtig losfahren und sicherstellen, daß die Dunkelrotfahrer der anderen Seiten fertig sind. Die meisten Autofahrer kennen die Zeitdauer, bis die andere Seite grün bekommt ganz genau und fahren diese Zeit im roten Bereich voll aus. Die Gelbphase ist extrem kurz oder fehlt ganz. Es gibt kaum Autofahrer, die wissen, was ein grüner Pfeil bei einer Ampel bedeutet, sie fahren recht zögerlich los. Vielleicht sind es auch Angsthasen, die sich vor den Dunkelroten der Gegenseite fürchten. Einige Mutigere sehen nur auf die Gegenampel und sowie diese auf ROT springt, fahren sie schon mal los, auch wenn sie selbst noch ROT haben. Dann gibt es noch den Rückstau an Ampeln, wenn die Phase bei der voraus liegenden Ampel zu kurz ist, um alle abzufertigen. Ohne mitzudenken, fahren viele weiter und es stehen dann Autos mitten auf der Kreuzung und wenn man selbst endlich grün hat, ist alles blockiert. Hier hilft dann eifriges Hupen, damit sie Platz machen. So richtig zur Höchstform laufen die Autofahrer in Windhoek auf, wenn die Ampeln ausfallen. Ampeln gibt es sonst außer in Swakopmund nicht oder fast nicht in anderen Orten. Dann regelt sich der Verkehr ganz kameradschaftlich und fast besser, als mit funktionierenden Lichtzeichenanlagen. Es fahren alle Seiten abwechselnd, gerecht verteilt. Die Seite mit den mutigen oder eiligen Fahrern fängt an, und ein Packet von 2-4 Autos, bei mehrspurigen Straßen, fährt rüber. Dann kommt – im Uhrzeigersinn meist – die andere Seite dran usw., immer hübsch abwechselnd, bis irgendwann die Ampeln wieder laufen.

4. Stopschilder Außer den bekannten Stopschildern gibt es hier noch andere, die Zahlen unter dem Wort STOP tragen. Eine 4 bedeutet, daß sich hier vier Straßen treffen, eine 3 weist auf drei Straßen hin usw. Nun regelt sich der Verkehr an diesen Kreuzungen folgendermaßen: alle sollen erst einmal stoppen – was nicht jeder macht, aber nehmen wir das einmal an. Dann fährt derjenige weiter, der zuerst dort war, dann der 2. Autofahrer, der 3. und immer so weiter. Das klappt immer gut und daher haben alle auch Übung darin, bei ausgefallenen Ampeln so zu fahren. Zweimal am Tag ist der Verkehr dichter, was hier morgens und abends so ist, wenn alle gleichzeitig zur Arbeit und acht Stunden später ebenfalls geschlossen wieder nach Hause fahren. Das dauert etwa eine Stunde; die rush hour wird hier wörtlich genommen. Die Bezeichnung rush hour hat sich wohl ein Witzbold ausgedacht, es geht doch in der Zeit geht alles viel langsamer zu. Zu solchen Zeiten jedenfalls kann man leicht den Überblick verlieren, wer nun als Nächster dran ist, aber dann geht’s einfach reihum wie bei den nicht laufenden Ampeln. Oft rollt man nur etwas langsamer an solche Zahlenstop-Kreuzungen heran und wenn sonst niemand dort ist, fährt man einfach weiter. Besser nicht erwischen lassen, das kostet dann wieder. Fatal wird es, wenn man nicht genau hinsieht, und ein echtes STOP Schild für ein Zahlenstopschild ansieht und nicht anhält, weil kein anderes Auto in der Nähe ist. Die anderen werden hier ja nicht langsamer, wie sonst, die haben ja freie Fahrt!

5. Nachtfahrten sollte man tunlichst vermeiden. Zum einen wegen der Wildgefahr, denn ein Kudubulle hat nicht nur lange, gedreht Hörner, sondern wiegt auch locker 300 kg. Solch ein Bursche in der Windschutzscheibe und der nächste fahrbare Untersatz kann leider ein Rollstuhl sein. Dazu gibt es unzählige Warzenschweine und all die anderen Antilopen nebst Kühen, Ziegen und Eseln, die zwar dann unerlaubt entlang der Straße weiden, aber das nützt einem hinterher auch nichts mehr. Zum anderen kann man auf unbeleuchtete LKW stoßen, ganz wörtlich, in Baugruben geraten, auf abgefallene Ladung auffahren oder Fußgänger, Radfahrer, schwarz gekleidete Jogger – einer davon ist nun tot – und nicht-identifizierbare Wesen treffen, die starke Ähnlichkeiten mit Außerirdischen aufweisen.

6. Taxis sind ein unerschöpfliches Thema, Ursache vieler Herzinfarkte bei normalen Autofahrern, Bißwunden bei Taxifahrern und Mordversuchen mittels Kfz. Die berüchtigten Nummerntaxis, so genannt wegen der großen, weißen Nummern auf den Heckscheiben, sind für viele Menschen die einzige Alternative zum Zufußgehen. Taxis müssen diese Nummern tragen, damit alle hübsch registriert werden können und man kann Übergriffe der Fahrer leicht der Polizei melden. In der Vergangenheit hatten einige findige Taxifahrer sich nicht mit dem Fahrtgeld begnügt und den Gästen gleich alle Wertsachen abgenommen. Davon hat man nun seit langer Zeit nichts mehr gehört. Selbst bin ich auch die ersten drei Monate nach unserer Ankunft in Windhoek damit gefahren und auch gut gefahren. Zumindest tagsüber wurde ich nie, auch nur andeutungsweise, von einem Taxifahrer beraubt. Als ortsunkundiger Neuzugang wollte ich einmal jemanden besuchen, hatte auch eine Adresse dazu. So lief ich dann von unserem Quartier los, nicht weit, nur bis zu einer Straße in der viele Taxis verkehrten. Man winkt oder das Taxi hupt dezent, um Gäste anzulocken. So stieg ich dann ein und gab die Adresse an. Der Taxifahrer fuhr auch eifrig los, fragte mich aber bald: „Welche Seite von Klein-Windhoek (Stadtteil)?“ Ich stutzte, „Keine Ahnung, in Klein-Windhoek eben.“ So fuhr er rum, zog dann plötzlich an den linken Rand und hielt an. Das brachte ihm Hupen vom Fahrzeug hinter ihm ein. Dazu bemerkte mein Fahrer nur, „Warum hupt der denn?“ Er dachte wohl, nur Taxifahrer hupen um Kunden anzulocken. „Nun, Sie sind einfach ohne zu blinken, angehalten.“ Ich konnte merken, daß er mich nicht verstanden hatte. Meine Frage, ob er einen Stadtplan hätte, wurde verneint. So fuhren wir herum, die richtige Straße suchend. Dies treibt den Preis nicht in die Höhe, jedes Ziel hat einen Festpreis. Es empfiehlt sich, vorab bei seiner Unterkunft die üblichen Taxipreise zu erfragen, denn sonst zahlen Touristen leicht mehr, obwohl es insgesamt nicht teuer ist. Ja, man kann es jedem ansehen, ob er ein Tourist ist oder nicht. Inzwischen kann ich Touristen auch sofort erkennen. Sogar die Nationalität kann man ziemlich genau sehen. Anfangs war ich immer erstaunt, daß alle mich gleich auf deutsch ansprachen. Die meisten Leute, auch Gärtner, Taxifahrer und Putzfrauen sprechen mindestens drei Sprachen fließend. Mein Fahrer teilte mir mit, daß wir die ungefähre Gegend meines Zielpunktes erreicht hatten. Die Person, die ich besuchen wollte, stand mit mir inzwischen im mobilen Telefonkontakt und sie stellte sich schließlich an die Straßenkreuzung, damit ich sie finden konnte. Für meinen nächsten Ausflug hatte ich mich mit einem Stadtplan ausgerüstet und vorher nachgesehen, wo ich hinwollte. Das klappte dann schon besser. Wie bereits eingangs erwähnt, muß man mit allem rechnen, stets! Nun trifft dies bei den Taxis besonders zu. Sie halten plötzlich, vorzugsweise in Ein-oder Ausfahrten, an gelben und roten Linien, die in anderen Ländern und HALT- und STOP Verbote signalisieren, hier aber nur der farblichen Auflockerung des eintönigen, grauen Asphalts dienen. Wartet man an einer Ampel, um rechts abzubiegen und fährt etwas in die Kreuzung ein, so stellt sich oft ein Taxi links neben einen, um bei grün parallel mitzufahren. So kommen mehr Fahrzeuge bei grün über eine Kreuzung.

7. Fußgänger sind hier die schwächsten Verkehrsteilnehmer. Da wir in Afrika sind, herrscht die Regel: der Stärkere gewinnt, genausowie bei den Löwen. Zebrastreifen sind keine afrikanische Erfindung und man sollte sich keineswegs darauf verlassen. Selbst eine grüne Fußgängerampel kann tödlich sein. Autofahrer, die abbiegen, halten nicht für Fußgänger! Man muß selbst aufpassen und sich auf gar keinen Fall auf die grüne Ampel verlassen.

Also immer nach der Devise: Aufgepaßt und mitgedacht, sollte eigentlich alles klar gehen. Etwas Glück braucht man natürlich auch.


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