Wettkampf um Schnelligkeit und Ausdauer – Distanzritt auf Osonjiva

 

SONY DSCDer Okanjande-Reitklub hatte Anfang Juni auf die Jagd Farm Osonjiva zu einem zweitägigen Distanzritt eingeladen. Von Walvis Bay, Tsumeb, Grootfontein und Outjo bis Oshakati sind die begeisterten Reiter angereist. Insgesamt starteten 86 Reiter mit ihren Pferden im Wettkampf um Schnelligkeit und Ausdauer. Der Distanzritt wurde über zwei Tage abgehalten und viele nutzten die Gelegenheit, an beiden Tagen zu reiten. Die Distanzen gingen wie üblich über 100, 80, 60 und 30 km. Da mag mancher einer denken, wie können die Pferde das bloß aushalten? Nun, fast alle Distanz- oder Endurance-Pferde sind Araber und die sind auf Ausdauer und Schnelligkeit hin gezüchtet. Außerdem werden sie langfristig für diesen Sport trainiert.

 

Die Bestimmungen

Zum Schutz der Pferde sind bei allen Rennen Tierärzte anwesend, die jedes Pferd genau unter die Lupe nehmen. Vor und nach dem Rennen muß der Reiter sein Pferd im Trab dem Tierarzt vorführen und wenn sich auch nur der Hauch einer Steifheit zeigt, wird das Pferd disqualifiziert. Jeder längere Ritt ist in mehrere Abschnitte aufgeteilt, und das Pferd bekommt eine Ruhepause von 45 Minuten vor jedem weiteren Abschnitt. Es findet auch jedes Mal wieder eine tierärztliche Untersuchung statt und selbst ganz am Ende, wenn man all die endlosen Kilometer geschafft hat, entscheidet der Tierarzt, ob das Pferd bestanden hat. Ist der Puls zu hoch, wird man auch disqualifiziert. Dies alles dient dem Schutz der Pferde. So dürfen die sogenannten Novizen-Pferde, also die Neuen, in ihren ersten fünf Rennen 16 km/h nicht überschreiten. Die Regeln werden strikt eingehalten, es gibt kein Pardon, auch wenn hin und wieder bei den ganz jungen Reitern die Tränen fließen. Man fliegt dann eiskalt raus und es gibt keine Siegerurkunde am Ende. Was aber auch die jüngsten Reiter lernen, ist neben der Fitneß, auch mentale Stärke, Verantwortung und die Geduld, weiter zu trainieren, besser zu werden und nicht aufzugeben. Die Distanzreiterei ist ein Sport, bei dem die ganze Familie mitmachen und helfen kann. Das Mindestalter für die Reiter beträgt sechs Jahre und etliche sind noch dabei nachdem sie die 70 überschritten haben. Dieser Sport hält fit bis ins hohe Alter.

SONY DSC

Das Rennen

Vor dem Farm Haus auf Osonjiva gruppieren sich Zelte, Pferdeanhänger und mitgebrachten Kraale, in denen die Pferde untergebracht sind. Das Areal sieht wie ein riesiges Zigeunerlager aus. In der Mitte befand sich der Start- und Zielplatz. An dessen Rand stehen bunte Plastikeimer, wo die Pferde nach dem Ritt getränkt und abgewaschen wurden, bevor sie den Tierärztinnen zur Untersuchung präsentiert wurden.

 

Wie im Juni kaum anders zu erwarten, war es nachts kalt und es gab Rauhreif innen in den Zelten, auf den Wassereimern lag eine Eisschicht und dazu blies noch ein eiskalter Wind. Die Pferde sind über Nacht in ihre dicken Pferdeschlafsäcke gemummelt worden. Noch vor dem Morgengrauen marschieren Reiter mit einem dampfenden Kaffee in der einen und ihrem Pferd am Halfter in der anderen Hand über den Platz, damit sie alle warm wurden. Eine riesige Scheune war zum Speisesaal umfunktioniert worden und jeder konnte sich dort ab fünf Uhr Kaffee oder Tee und Zwieback holen. Draußen war der Platz bereits voller Pferde. Reiter und Pfleger kann man kaum erkennen, weil alle total gegen die eisige Kälte eingemummelt waren. Die freudige Erregung bei Reitern, Pferden und Helfern liegt wie eine vibrierende Decke über dem Platz. Trotz all des Gewusels gab es keine Schreierei (Menschen) oder Keilerei (Pferde). Die 100 und 80km Reiter starteten in die rote Morgendämmerung hinein. Es ist ein besonderes Gefühl, das einen überkommt, wenn man auf den Startplatz reitet. Nun gibt es kein Zurück mehr, nur noch nach vorn und zwar viele Kilometer lang. Dann kommt der Start und alle preschen los, aber die Aufregung legt sich schnell und die Routine aus den vielen Trainingsritten setzt ein. Man findet seinen Rhythmus, Pferd und Reiter sind auf einander eingestimmt und werden eine Einheit, die zusammen diesen Marathon durch steht, um fit und fröhlich ans Ziel zu kommen. Das Motto beim Distanzreiten ist vor allem, den Ritt erfolgreich zu beenden. Nicht disqualifiziert zu werden ist das Hauptziel, danach erst kommt die Plazierung. Jedes Pferd und jede Reiterin oder Reiter haben ihre ganz eigene Geschichte und wie für den einen der 1. Platz das Wichtigste ist, so haben manche nach langer Krankheit einfach nur ihr ganz privates Ziel, den Ritt erfolgreich zu absolvieren. Andere haben ganz junge Pferde am Start und wollen sehen, wie sich ihr Zögling macht.

SONY DSC

Dampfender Kaffee am Morgen

Die Strecken auf Osonjiva waren sehr gut markiert und mit reichlich Tränken versorgt, die Wege waren sandig, ohne Löcher und Steine, damit sicher und gut zu reiten. Die ersten Reiter am Freitag bekamen sogar Giraffen zu sehen und eine Herde Hartebeester, die sich aus dem Staub machte. Auf der Ritt Besprechung wurde auf Nashörner hingewiesen, von denen man sich fern halten sollte, aber die ließen sich nicht blicken.

SONY DSC

Manne und Raik

Das Ziel ist nah

Nach viel Staub und noch viel mehr Kilometern kommt dann die Ziellinie in Sicht und es gibt kaum ein Halten mehr. Daß es diesen Pferden Spaß macht zu rennen, das ist ganz offensichtlich. Jeder Reiter kann auch bestätigen, wie aufgeregt und eifrig die Pferde beim Wettkampf sind. Sie wissen ganz genau, daß dies kein Training ist und geben ihr Bestes, weil sie es wollen. Anders als beim Pferderennen sind hier Peitschen nicht erlaubt. Das ist gut so und sie sind auch nicht notwendig. Am Ende eines jeden Rittes steht dann wieder die Prüfung beim Tierarzt an und erst wenn das Pferd nicht lahm oder steif ist, der Puls nicht zu hoch ist, dann hat man es geschafft. Auch dieses Gefühl ist einzigartig und macht wahrscheinlich süchtig. Nun kümmert man sich um sein Pferd. Es wird gewaschen und abgerieben, einfach verwöhnt, denn sie haben es verdient. Nichts geht in Pferdekreisen über ein gutes Staubbad, sich danach zu schütteln und dann im Schatten in seinem Kraal genüßlich Heu zu fressen und sich von Besuchern bewundern zu lassen.

Am Nachmittag sah ich auf dem Weg zu den Duschen drei kleine Mädchen hinter einem Wohnwagen im Sand spielen. Sie hatten kleine Puppen dabei und bauten mit weißen Steinen und Perlhuhn Federn einen geheimen Garten, zu dem nur sie Zutritt hatten. Am Abend trafen sich alle in der großen Scheune zu Spießbraten und Musik und ließen bei Bier und guter Laune die Ereignisse der letzten zwei Tage Revue passieren. Von den 86 Pferden, die gestartet waren, hatten nur acht es nicht geschafft. Vier waren tatsächlich lahm, drei waren zu schnell gewesen als Novizen-Pferde, und ein Reiter hatte sein Pferd von sich aus zurückgezogen. Diese Zahlen belegen, daß diese Leute wissen, was sie tun. Dann kam die Siegerehrung, aber vorab wurden von Oskar Lambert dem Vorsitzenden des Okanjande Clubs aus Otjiwarongo all diejenigen geehrt, die im Hintergrund unermüdlich gearbeitet hatten, damit so eine Veranstaltung glatt über die Bühne geht. Viel Dank ging auch an die Gastgeber der Osonjiva Farm, die jeden herzlich willkommen hießen und sich unermüdlich um tausend Dinge kümmerten. Da muß Essen und Trinken organisiert werden, die Strecken für die Reiter markiert werden, die Logistik mit Hilfe der Computer muß klappen, damit die Zeiten genau festgehalten werden können. Das alles braucht viele ehrenamtliche Helfer, aber die gibt es innerhalb der Familien und unter den Freunden der Reiter.

Dann wurden die 100km Reiter geehrt und von unserem Tisch stand eines der kleinen Mädchen auf, die ich am Nachmittag gesehen hatte. Sie bekam ihre Urkunde für den 1. Platz und freute sich riesig über die knallrosa Pferdebürste, die sie dazu bekam. Auch ihre Eltern strahlten und freuten sich mit ihr, selbst die Oma, die vorher schon mal eingenickt war, wurde wieder hellwach vor Begeisterung. Ein ganz normales, kleines Mädchen eben, das aber auch mal 100km am Tag reitet.

SONY DSC

Asjas mit meinen Helfern

Für mich war am Ende dieses Rittes klar, daß ich nach dem dritten 30 km Ritt, dieser Kategorie entwachsen war. Beinahe wäre ich zu schnell gewesen und somit disqualifiziert worden. Durch die vielen Trainingsritte und Joggen, Kniebeugen, Schwimmen, was auch immer gerade ging, war ich viel fitter geworden. Nun hieß es für mich, eine höhere Distanz für den nächsten Ritt zu planen. Dazu mußte ich dem Windhoek Endurance Riding Club beitreten, denn alle Distanzen über 30km erfordern eine Clubmitgliedschaft. Nach diesem Ritt hatte ich 94.8 Wettkampf Kilometer absolviert.

Reiter, die gern ihren Namibiaurlaub mit einem Distanzritt verbinden möchten, können sich an die Sekretärin des NERA Namibia Clubs wenden, zu finden unter http://www.namibiaendurance.org/ auf der NERA Webseite.

Anmerkung: dieser Artikel von mir erschien am 18. Juni 2012 in der Allgemeinen Zeitung von Windhoek.

SONY DSC

Erholung nach dem Ritt

Posted in African adventure, Animal behaviour, Endurance riding, Namibia
Tags: , ,

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>